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Giuseppe Arcimboldo ist für seine eigenwilligen, skurrilen Objektköpfe bekannt. Sind es Träume, ein früher Surrealismus, eigenwillige Grillen oder steckt mehr dahinter?
Die seltsamen Köpfe des Arcimboldo
Giuseppe Arcimboldo ist für seine eigenwilligen, skurrilen Porträts bekannt. Obwohl sein Gesamtwerk überschaubar ist – vieles davon ist im Laufe der Zeit verloren gegangen –, besitzen seine unverwechselbaren „Objektköpfe“ – Porträts, die aus Blumen, Gemüse oder anderen kuriosen Gegenständen zusammengesetzt sind – einen hohen Wiedererkennungswert. Sind seine Gemälde bloß prä-surrealistische Träume, die Fantasien eines gestörten Geistes, gemalte Witze oder steckt mehr dahinter?
Der Manierismus
Giuseppe Arcimboldo wurde vor ungefähr 500 Jahren geboren. Das genaue Datum ist unklar, da es keine Aufzeichnungen über seine Geburt gibt und das Geburtsjahr aus seinem Alter, das im Sterberegister angegeben war, abgeleitet wurde.
Erschwert wurde die Schätzung noch durch den Wechsel vom Julianischen zum Gregorianischen Kalender, der während seiner Lebenszeit stattfand. Da sein tatsächliches Geburtsdatum, bzw. -jahr nur ungefähr zu bestimmen ist, habe ich kurzerhand beschlossen, mich der (deutschen) Wikipedia-Angabe anzuschließen, die seine Geburt in das Jahr 1526 legt. So habe ich den schönen runden Geburtstag von genau 500 Jahren und eine Gelegenheit, hier ein wenig über den wohl seltsamsten Maler zu berichten, der in der Zeit zwischen der Hochrenaissance und dem Frühbarock tätig war.
Diese Zeit, in der Arcimboldo tätig war, ist als Manierismus bekannt. Der Manierismus – von maniera, „Art und Weise“, „Stil“ – bezeichnet die Zeit zwischen ca. 1520 bis 1560, in der das künstlerische Ideal die Entwicklung des eigenen Stils, der ganz eigenen maniera, war. Vorbei die Zeit der strengen Naturwiedergabe, der Zentralperspektive, der Lebensnähe. Bekannte Vertreter des Manierismus waren zum Beispiel Parmigianino, Jacopo da Pontormo oder Bronzino. Giovanni da Bologna wäre ein Beispiel, den man für die Architektur nennen könnte und Baccio Bandinelli oder Cellini für die Skulptur. Bartholomäus Spranger oder Hans von Aachen gehören zu den Vertretern des Manierismus, die nördlich der Alpen tätig waren.
Parmigianino, Madonna mit Kind und Engeln (Madonna mit dem langen Hals), 1534 bis 1540, Öl auf Holz, 219 x 135 cm, Uffizien, FlorenzArcimboldos Objekt-Köpfe
Der seltsamste und auffälligste der Manieristen war Arcimboldo mit seinen Objektporträts: Köpfe aus Holz und Feuer, Köpfe aus Blättern und Büchern, Köpfe aus Kohl, Mais und Zucchini. Stillleben? Porträts? Die Grenzen verschwimmen. Arcimboldo betreibt in diesen Gemälden ein cleveres Spiel mit Assoziationen. Gemälde mit dem Titel „Herbst“ oder „Sommer“ zeigen jahreszeitentypische Früchte, Pflanzen und Gemüse, die zusammengesetzt werden, ein Porträt ergeben, das die Betrachtenden zusammensetzen müssen. Der Bibliothekar (vermutlich Wolfgang Lazius) wird aus Büchern, Schlüsseln und Staubwedeln zusammengesetzt, der Jurist“ besteht aus Büchern, aus Papier, einem Gesicht aus gebratenen Vögeln und einem Fisch. Der „Koch“ besteht aus gebratenem Fleisch, wobei das Gemälde auf den Kopf gedreht werden muss, um das Gesicht darin erkennen zu können. Ob einige davon gleichzeitig auch als Karikaturen gedeutet werden können, wissen wir nicht.
Giuseppe Arcimboldo, Der Jurist,1566, Öl auf Leinwand, 64 x 51 cm,
Schloss Gripsholm, SchwedenGiuseppe Arcimboldo, Der Koch, circa 1570, Öl auf Holz, 53 x 41 cm, Nationalmuseum SchwedenArcimboldo als doctor pictus
Weniger bekannt dürfte gewesen sein, dass Arcimboldo nicht nur als Maler tätig war, sondern auch als Bühnenbildner, Kostümbildner, Architekt, Ingenieur und Organisator. Er erfand Maschinen und versuchte, eine wissenschaftliche Theorie über die Beziehung von Musik und Malerei zu finden: Er war überzeugt, dass Malerei und Musik denselben Gesetzmäßigkeiten gehorchte. Kurz: Er sah sich, wie Dürer oder Leonardo da Vinci, nicht als bloßen Handwerker, sondern als Intellektueller, als pictor doctus, bzw. als uomo universale – der universal gebildete Mensch, eine der Idealvorstellungen der Renaissance.
Zu diesem Ideal passt schließlich das intellektuelle Vexierspiel seiner Gemälde, die nicht einfach nur als lustige optische Narreteien gesehen werden dürfen, sondern voll dem Zeitgeist des 16. Jahrhunderts entsprachen. Die Renaissance, der Manierismus und später der Barock liebten raffinierte Rätsel und kapriziöse Wort- und Bilderspiele voller geistreicher Anspielungen, sowie das Seltsame, Bizarre, Übertriebene. Daher können die Gemälde nicht als Produkt eines gestörten Geistes gedeutet werden, sondern sie sind ein Statement.
Giuseppe Arcimboldo, Abhandlung über Seidenkultur und Manufaktur, Serie von 13 Zeichnungen, circa 1586, Museum of Fine Arts Boston Giuseppe Arcimboldo, Kostümentwurf einer weiblichen Gestalt mit Fackel, 1585, Uffizien, FlorenzDas Große, zusammengesetzt aus KleinemGiuseppe Arcimboldo, Allegorienpaare, 1563 oder 1566, Öl auf Leinwand, bzw. Öl auf Holz, Kunsthistorisches Museum & Königliche Akademie der schönen Künste, San Fernando, Spanien
Arcimboldos Gemälde können als gemalte Stellungnahme eines Mannes gelesen werden, der sich nicht als Handwerker, als bloßer Maler, sondern als Intellektueller wahrnahm. Diese intellektuelle Stellungnahme geht über das bloße Zusammensetzen von Gemüse zu einem Kopf hinaus.
Wir können beispielsweise den Vergleich mit Sprache ziehen, wie Roland Barthes es in seinem Buch „Arcimboldo“ versucht hat. Wie sich Buchstaben zu Wörter und Wörter zu neuen Sätzen zusammensetzen, werden einzelne Elemente in den Gemälden gemischt und in einen neuen Zusammenhang gebracht. Und noch eine Ebene spielt hinein: Die Musik. Arcimboldo versuchte, wie oben erwähnt, die gemeinsamen Gesetzmäßigkeiten von Musik und Malerei zu finden: Eeine mathematisch berechnete Farbskala, basierend auf muskalischen Intervallen – mehr als ein Jahrhundert, bevor Newton den gleichen Versuch unternahm (Caswell, S. 155). Und genau wie Sprache setzt sich eine Harmonie aus einzelnen Tönen zusammen. Genau wie Wörter in Sätzen können einige wenige Töne in schier unendlichen Variationen zusammengesetzt werden, die gemeinsam mehr sind als die Summe ihrer Teile. Genau wie Sprache und Musik setzen sich Arcimboldos Gemälde aus einzelnen Elementen zusammen, die trotz ihrer Variationen ein harmonisches Ganzes bilden. Gewöhnliche Dinge werden miteinander in Beziehung gesetzt, die einzelnen Bestandteile bilden zusammen einen ganz neuen Kontext, der wieder auseinander fällt, wenn man den Blick wieder auf das Detail richtet. Es ist das Spiel mit dem Um-Sehen, das sich am Rand nicht der bildlichen, sondern der inhaltlichen Abstraktion bewegt: Die einzelnen Teile bilden miteinander ein Ganzes, das wiederum auf eine metaphorische Ebene verweist.
Und natürlich dürfen wir nicht seine Tätigkeit als Bühnen- und Kostümbildner vergessen, die sicherlich einen Einfluss auf seine Köpfe hatte (oder umgekehrt) und das Spiel mit der Realität, dem Schein und dem So-tun-als-ob auf sie Spitze getrieben hat.
Arcimboldos "Vertumnus"Giuseppe Arcimboldo,
Rudolf II als Vertumnus, circa 1590, Öl auf Holz, 68 x 56 cm,
Schloss Skokloster
Die Erklärung klingt fürchterlich kompliziert, doch wird sie vielleicht deutlicher, wenn wir uns Arcimboldos „Vertumnus“ kurz anschauen. Es handelt sich dabei um ein Porträt Kaiser Rudolfs II, bestehend aus allerlei Blumen, Gemüse und Früchten. Vertumnus ist der Gott der Veränderung, der Jahreszeiten, des Wachstums. Kaiser Rudolf wird als Gott des Wachstums und der Veränderung gezeigt, zusammengesetzt aus den Früchten der vier Jahreszeiten, die sich im stetigen Wandel befinden und trotzdem immer gleich bleiben und ein harmonisches Ganzes aus den unterschiedlichsten Teilen bilden. Es ist nicht nur ein Obstkopf, sondern eine raffinierte Aussage bezüglich der Bedeutung des Kaisers, der über den Umweg des Objekt-Kopfes mit dem Gott gleichgestellt wird.
Der Neoplatonismus
Damit passt Arcimboldo voll in die intellektuellen Strömung seiner Zeit. Die Renaissance war eine Wiedergeburt von antiken Gedanken. Die Antike war auch im Mittelalter nie völlig vergessen worden, doch jetzt drängt sie sich in den Vordergrund, gewinnt wieder vermehrt an Bedeutung.
Platon mit seinem Weltbild war prägend, speziell in Florenz, wo sich die Platonische Akademie etabliert hat, in der die Ideen der großen Griechen zum Neoplatonismus geführt haben. Arcimboldos Gemälde können schließlich im Zusammenhang mit der neoplatonischen Lehre gelesen werden – nicht so, dass Arcimboldos Porträts gemalter Neoplatonismus wäre, sondern, dass die philosophische Lehre derart tief im Gedankengut verankert ist, dass sie zur Selbstverständlichkeit wird.
Wenn Marsilio Ficino schreibt:
“Das Höchste“ … “nennen wir Gott und nicht Welt, denn ‚Welt’ bedeutet ein Schmuckstück, das aus vielen Dingen zusammengesetzt ist.“, dann drückt es genau diesen Gedanken aus, dass alles mit allem zusammenhängt, dass die Welt aus unzähligen Einzelteilen zusammengesetzt ist, die miteinander das harmonische Ganze bilden.
Eine Kernidee war die Harmonie als metaphysisches Prinzip: Das Einzelne ist niemals isoliert, sondern immer nur Teil eines Ganzen. Das Kleine verbindet sich mit dem Großen, das Irdische mit dem Göttlichen, der Mikrokosmus bildet in seiner Gesamtheit den Makrokosmos. (Kaufmann, S. 276)
Giuseppe Arcimboldo, Wasser, 1566, Öl auf Holz, 67 x 51 cm,
Kunsthistorisches Museum, WienZum Schluss
Es erscheint zunächst einmal sehr weit hergeholt, solche tiefgründigen Ideen in Bilder hinein zu interpretieren, die auch als bloße scherzhafte und merkwürdige Grille eines extravaganten Geistes gelesen werden können, die uns in eine kafkaeske Welt führen. Wären diese Bilder im 19. oder 20. Jahrhundert entstanden, würde ich zustimmen, doch man muss sich die Zeit bewusst machen, in der diese Bilder entstanden sind. Der Ordnungsgedanke und das Nachdenken über Seinsstufen ist eine uralte philosophische Idee, die weit in die Antike zurück geht und auch im mittelalterlichen Gedankengut noch tief verankert ist. Mit der neoplatonischen Strömung wird sie nicht einmal neu entdeckt, sondern wiederbelebt: Die Vorstellung, dass die Welt aus vielen kleinen, miteinander verwobenen Elementen besteht, die zusammen eine Harmonie bilden, ist daher tief in der Vorstellung der Renaissance verankert.
Jemand, der sich als Intellektueller verstand, als uomo universale, der in den Bereichen der Ingenieurskunst, der Malerei, der Musik bewandert ist, wird selbstverständlich mit diesen philosophischen Strömungen vertraut sein und natürlich auch nicht geneigt sein, sein Licht unter den Scheffel zu stellen, sondern vielmehr aller Welt demonstrieren, dass er zu den Gebildeten und Belesenen dieser Welt gehört.
Von Arcimboldos Gemälden sind nur wenige erhalten, dazu einige Guachebilder und diverse Zeichnungen, die sich zum Teil mit Fragen der Ingenieurskunst beschäftigen oder Kostümentwürfe sind.
Literatur
Kaufmann, Thomas DaCosta. “Arcimboldo’s Imperial Allegories.” Zeitschrift Für Kunstgeschichte, vol. 39, no. 4, 1976, pp. 275–96. JSTOR, https://doi.org/10.2307/1481925 Accessed 15 June 2026.Caswell, Austin B. “The Pythagoreanism of Arcimboldo.” The Journal of Aesthetics and Art Criticism, vol. 39, no. 2, 1980, pp. 155–61. JSTOR, https://doi.org/10.2307/429809 Accessed 15 June 2026.http://www.symbolforschung.ch/Arcimboldo.htmlhttps://www.nytimes.com/2007/10/05/arts/05iht-melik6.1.7766101.html?_r=0“Giuseppe Arcimboldo.” Issues in Science and Technology, vol. 27, no. 2, 2011, pp. 6–21. JSTOR, http://www.jstor.org/stable/43315446 Accessed 15 June 2026.Achtung: WerbungErhältlich im Etsy-Store
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